Analyse: Problematisches Verhältnis der Russisch Orthodoxen Kirche mit Homosexualität

Moscow Pride2013 analysierte der Theologe Michael Brinkschöder in einem auf Deutsch publizierten Artikel das problematische Verhältnis der Russischen Orthodoxen Kirche (ROK) zur Homosexualität und setzt dieser eine alternative theologische Perspektive entgegen. In der historischen Herleitung erklärt er auch, warum die ROK heutzutage in Russland so viele staatliche Privilegien besitzt, obwohl sie noch bis zum Ende der Sowjetunion unterdrückt wurde:

„Am Ende des kommunistischen Regimes befand sich die ROK in einer völlig neuen Situation. Aufgrund der Unterdrückung und der »jahrzehntelangen Isolation von der Bevölkerung« gab es nur eine geringe Zahl von Priestern und Gläubigen; religiöses Wissen und ein aktives Gemeindeleben war in der Bevölkerung so gut wie nicht mehr vorhanden. Außerdem hatte die Kirche praktisch alle Besitztümer verloren. Dennoch stellte die ROK neben der Armee die Institution dar, der die Russen das größte Vertrauen entgegenbrachten. Die Zahl der religiösen Zeremonien wie Taufen, Hochzeiten und Beerdigungen stieg sprungartig an. Die Kirche begriff sich als moralische Instanz der Gesellschaft. Sie propagierte christlich-konservative Werte wie Ehe und Familie, Arbeitsmoral und Opferbereitschaft und trat der grassierenden Habgier der Neureichen entgegen, deren Aufstieg jegliche moralische Orientierung fragwürdig werden ließ. Die ROK bekannte sich zu ökumenischen Kontakten und zur Demokratie. […] Schon bald jedoch wurde klar, dass die Gläubigen nicht bereit waren, regelmäßig Gottesdienste der russischorthodoxen Kirche zu besuchen, sondern eher eine individuelle Form orthodoxer Frömmigkeit entwickelten, die auf die Kirche weitgehend verzichtete. Gebraucht wurde die ROK dagegen vom Staat, um eine nationale russische Identität zu formulieren. Die russische Orthodoxie wurde dabei als nationalreligiöse Alternative zu den katholisch oder protestantisch geprägten Ländern Europas gesehen.“

Brinkschöder führt weiter den durch die ROK besonders in den in den letzten Jahren durchgeführten Kampf gegen freie Kunst und um eine kulturelle Bildunsdominanz aus. Die negative Haltung zu Homosexualität hat die ROK nach Brinkschöder in einem Prozess der ambivalenten Haltung zu den allgemeinen Menschenrechten entwickelt. Sie stieg so als „Hüterin traditioneller Werte“ auf zu einer für christlich-konservative Bündnisse international relevante Partnerin auf.

Brinkschöder beschreibt in sieben Punkten die religiösen Argumentationsmuster der orthodoxen Kirche, die sich vor allen Dingen auf die richtige Deutung der Bibel berufen: „Kirchen, die die biblische Beurteilung der Homosexualität anders auslegen, wirft die ROK im Umkehrschluss vor, das Wort Gottes verraten und sich von Gott abgewandt zu haben.“ Die ROK stellte die Kommunikation mit den Kirchen ein, die dieser Linie nicht folgen. Darüber hinaus haben im Argumentationsmuster der ROK Rekurse auf Kirchenväter großer Bedeutung und es wird mit dem Erhalt der Ehe, traditionellen Familie und der Bereitschaft zum Kinderkriegen als traditionell christliche Werte argumentiert. Diesen Argumentationsmustern setzt Brinkschöder die internen Widersprüche im Umgang mit Homosexualität innerhalb der Kirchenstrukturen sowie die allgemeinen Menschenrechte entgegen. Er zitiert hierbei aus den Glaubensgrundlagen von 2008, die die ROK über die allgemeinen Menschenrechte legt, da letztere nicht von Gott gegeben seien.

„Da die Menschenrechte nicht von Gott eingesetzt wurden – so der Grundsatz – dürfen sie nicht so ausgelegt werden, dass sie mit der Offenbarung in Konflikt geraten oder »die Christen zur Verletzung der Gebote Gottes (…) zwingen« (3.3). Im Bereich der Menschenrechte dürfen daher keine Normen eingeführt werden, die »die evangelische« und »die natürliche Moral verwässern oder aufheben« (3.3). In diesem Zusammenhang erfolgt wieder ein indirekter Verweis auf Homosexualität: »Die Kirche sieht eine große Gefahr in der gesetzlichen und öffentlichen Unterstützung verschiedener Laster – zum Beispiel der geschlechtlichen Ausschweifungen und der Perversitäten, der Profit sucht und der Gewalt.« (3.3)“

In der Analyse wird zwei Mal darauf verwiesen, dass die ROK zu einem der wichtigsten religiösen Bündnispartner gegen Homosexualität in gesellschaftlich konservativen Strukturen in Russland jedoch auch in den USA und Europa aufgestiegen ist. Der Artikel endet mit theologischen Alternativen und Positivbeispielen für die Anerkennung von Homosexualität innerhalb kirchlichen Strukturen.

Der Text ist als pdf Online abrufbar unter: http://www.westh.de/AG_Schwule_Theologie/Menschenrechte_files/Brinkschroeder_RussOrthodoxie.pdf

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